Jörg Wuttke ist ein deutscher China-Kenner mit 35 Jahren Praxis vor Ort. 27 Jahre davon leitete er das BASF-Büro in Peking. Im Interview mit Leonard Schmedding erklärt Wuttke, warum Chinas Überkapazitäten kein Konjunktur-Problem sind. Sie sind systemisch und drücken jetzt mit voller Wucht in die Weltmärkte.
Involution: Wachstum, das sich selbst frisst
Wuttke erklärt den Begriff Involution mit einer harten Zahl. Die Branchen-Marge bei E-Autos fiel von 4,3 Prozent 2024 auf 1,8 Prozent Ende 2025. Trotzdem produziert China weiter, als gäbe es kein Morgen.
Der Grund sitzt tief im System. Über 150.000 staatseigene Lokal-Betriebe und 100 große Konzerne gehen nicht vom Acker. Lokal-Regierungen blockieren jede Schließung aus Angst vor sozialen Unruhen. Wuttke warnte schon 2017 in einer EU-Kammer-Studie vor genau diesem Szenario.
Heute hat China bei Batterien, E-Autos, Solar, Wind und Basis-Chemie genau diese Überkapazitäten. Vor Covid gab es 400 Automobil-Firmen im Land. Heute sind es 130. Maximal 20 davon machen echten Gewinn.
Der Export-Druck und das Ventil der Schiffe
China kann pro Jahr 50 Millionen Autos produzieren. Konsumiert werden im Inland 23 Millionen. Die Welt kauft insgesamt rund 50 Millionen. Rechnerisch könnte China die globale Autonachfrage allein bedienen.
Das Ventil sind die Roll-on-Roll-off-Schiffe. BYD hat ein Schiff gebaut, das fast 10.000 Autos transportiert. Seit drei Jahren exportiert China damit jährlich eine Million Wagen zusätzlich.
Dazu kommt ein Währungs-Effekt. Wuttke verweist auf Jürgen Matthes vom IW Köln. Der Renminbi hat seit Anfang 2020 rund 40 Prozent gegenüber dem Euro abgewertet. Plus 5 Prozent Deflations-Vorteil pro Jahr. Plus 12 Prozent Dollar-Abwertung 2024. Chinesische Hersteller hatten 2024 einen Kosten-Vorteil von fast 20 Prozent.
Demografie zwingt China zur Robotik
China altert mit einer Geschwindigkeit, die Europa nie erlebt hat. 2035 ist die Bevölkerung im Schnitt älter als die US-amerikanische. 2046 überholt China Europa. 2064 sogar Japan.
Hinzu kommt ein demoskopisches Ungleichgewicht. Auf 100 Frauen kommen 111 Männer. Die Fertilitäts-Rate liegt bei 1,0. Shanghai bei 0,59. Macau bei 0,47.
Deshalb plant China im 15-Jahresplan KI, Robotik und Biotechnologie als Pflicht-Säulen. Ein Pekinger Test-Altersheim wird komplett mit Robotern betrieben. Wuttke rechnet damit, dass in vier bis fünf Jahren chinesische Roboter in deutschen Altersheimen arbeiten. Die Alternative wäre, dass gar kein Personal mehr da ist.
27 Jahre BASF: Vertrauen vor Verträgen
Wuttke war von 1996 bis 2023 Chef-Repräsentant von BASF in Peking. BASF eröffnete 1885 sein erstes Büro in Shanghai. Heute betreibt der Konzern fast 100 Fabriken in China.
Das 3-Milliarden-Projekt in Nanjing galt 1998 als Wahnsinn. Während der Asien-Finanzkrise zogen sich US-Investoren zurück. BASF unter CEO Strube und Asien-Vorstand Hambrecht blieb. 2005 ging die Anlage in Betrieb. Sie wurde zur Cash-Cow.
Der Schlüssel war Vertrauen vor Ort. Nicht in Peking, sondern beim Gouverneur von Jiangsu. Bei der Chongqing-Anlage half ein Brief von Angela Merkel an Premier Wen Jiabao. Wuttkes Lehre: lokale Beziehungen schlagen Zentral-Politik.
Huawei und der Autarkie-Pfad
Trumps erste Amtszeit löste in Peking einen Alarm aus. China erkannte, dass US-Lieferungen politisch erpressbar sind. Daraus wurde der heutige Autarkie-Kurs. Halbleiter, Software, Maschinenbau, Chemie. Alles soll im Inland produzierbar sein.
Huawei verkörpert diesen Pfad wie kein anderer Konzern. Wuttke beschreibt die Firmen-Philosophie als fast religiös. Gründer Ren Zhengfei mobilisiert eine tiefe Bank an Ingenieuren. Shenzhen war vor 50 Jahren ein Fischer-Dorf. Heute sitzen dort BYD, Huawei und Tencent.
Die Konsequenz: Was Washington verbietet, baut China innerhalb von drei bis vier Jahren selbst. Der Nvidia-Marktanteil in China liegt laut Jensen Huang nach Sanktionen bei null Prozent. Der Effekt ist eine erzwungene chinesische Eigen-Entwicklung, nicht ein technologischer Rückstand.
Seltene Erden, Chips und der Strom-Ausbau
Seltene Erden sind nicht selten. Die Verarbeitung ist das Bottleneck. China hat den Großteil der globalen Refining-Kapazität gebündelt. Das Land setzt diese Position jetzt politisch ein.
Beim Strom plant China 3,4 Terawatt neue Kapazität in fünf Jahren. Das ist sechs Mal so viel wie die USA. KI-Rechen-Zentren brauchen genau diesen Strom. In Texas blockieren Wasser-Streits und Klagen jeden neuen Anschluss. Maine hat KI-Daten-Farmen lokal verboten.
Wuttke sieht den nächsten Schritt im Weltall. Dort gibt es Kühle, Platz und Sonnen-Energie. Wer den Raketen-Zugang dominiert, dominiert die KI-Infrastruktur. Europa droht in dieser Dimension komplett abgehängt zu werden.
Was deutsche Unternehmer von China lernen müssen
Wuttkes wichtigste Lehre lautet Risiko-Bereitschaft. Chinesische Firmen entwickeln mit 80-Prozent-Lösungen und liefern in neun Monaten. Deutsche Konzerne brauchen 18 Monate für die 100-Prozent-Variante. Der Markt ist dann oft weg.
Dazu kommt Kunden-Nähe. Ein BYD-Modell hat eine Drohne auf dem Dach, mit der Fahrer Getränke nachordern können. In Paderborn vielleicht skurril. In Shenzhen ein Verkaufs-Argument.
Und drittens: Bildung früh starten. China führt Kinder schon in der Grundschule an Chemie und Technik heran. In Peking schließen die Marketing-Institute, die Ingenieurs-Studiengänge sind überlaufen. Wer KI ernst nimmt, fängt mit der Schule an, nicht mit dem Abitur.
Häufige Fragen
Was bedeutet Involution in der chinesischen Wirtschaft?
Involution beschreibt einen Markt, der trotz sinkender Margen weiter wächst. Mehr Produktion, weniger Gewinn pro Einheit. In China entsteht das Phänomen durch staatseigene Betriebe, die nicht schließen dürfen. Lokal-Regierungen verhindern Schließungen aus Angst vor Arbeitslosigkeit. Das Ergebnis ist eine Zombie-Wirtschaft mit globalem Export-Druck. Die Branchen-Marge bei E-Autos fiel laut Wuttke von 4,3 Prozent 2024 auf 1,8 Prozent Ende 2025.
Warum hat China trotz aufgehobener Ein-Kind-Politik ein Geburten-Problem?
Die Ein-Kind-Politik fiel 2016. Heute fordert Peking sogar drei Kinder pro Familie und gewährt Steuer-Vorteile. Trotzdem sinkt die Fertilitäts-Rate auf 1,0. Macau liegt bei 0,47. Die Gründe sind ökonomisch und kulturell: hohe Wohnkosten, Karriere-Druck, ein Männer-Überschuss von 111 zu 100 Frauen. Hinzu kommt eine breite Zukunfts-Angst nach Covid und Immobilien-Krise.
Wie reagiert China auf die US-Chip-Sanktionen?
China bündelt Ressourcen, Kapital und Ingenieure auf jedes verbotene Produkt. Nvidia verliert nach Sanktionen laut Jensen Huang seinen kompletten Markt-Anteil in China. Huawei und andere Akteure springen in die Lücke. Wuttke nennt das unintended consequences. Drei bis vier Jahre später produziert China dasselbe Top-End-Produkt selbst. Die US-Exportkontrollen beschleunigen Chinas Autarkie, statt sie zu bremsen.
Was sollten deutsche Unternehmer von China lernen?
Wuttke nennt drei Punkte. Erstens Tempo: 80-Prozent-Lösungen in neun Monaten statt 100-Prozent in 18 Monaten. Zweitens Kunden-Nähe: harte Iteration mit dem Markt, nicht im Labor. Drittens Ingenieurs-Ausbildung ab der Grundschule. Deutsche Firmen sollten chinesische Manager nicht nur lokal einsetzen, sondern als Lehrer für deutsche Nachwuchs-Manager nutzen.

















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